Plädoyer für eine pragmatische Energiewende

Dr. Stefan Bofinger erläutert im ENERGIEwender-Interview seinen pragmatisch-unideologischen Ansatz beim Thema Energiewende.


Über die deutsche Energiewende schien politisch entschieden, als Kanzlerin Angela Merkel 2011 im Eindruck von Fukushima den Ausstieg aus der Atomenergie verkündete. Viele, die sich seit 30 oder gar 40 Jahren gegen Atomkraft und für ein ökologisch vertretbares Wirtschaften einsetzen (oder gar tatsächlich gekämpft haben), wähnten sich am Ziel. Doch die Partystimmung ist längst dem Kater gewichen – und die Verhältnisse haben sich auf merkwürdige Weise verkehrt: Denn heute ist es nicht mehr eine „kleine Minderheit linken, meist akademischen Pöbels“ (Helmut Kohl, 1986) das gegen Atomkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen aufsteht. Heute speist sich der Widerstand gegen die gewendete staatliche Energiepolitik aus der politischen Mitte, sind es konservative Besitzbürger, die den Ausbau der Windenergie oder notwendige Stromtrassen, aber vor allem: Windräder in Sichtweite, mit aller Macht bekämpfen – und genau so selbstverständlich wie die AKW-Bewegung seinerzeit die „Vernunftkraft“ für sich reklamieren.


Wo die Fragen so komplex sind wie beim Thema Energiewende, empfiehlt es sich auf Sachverstand zu setzen. Daher hat die Redaktion der ENERGIEwender Nordhessen entschieden, sich künftig von einem „wissenschaftlichen Beirat“ begleiten zu lassen. Nach wenigen Wochen dürfen wir stolz verkünden: Mit Dr. Stefan Bofinger (Foto),  ist das erste Mitglied unseres Beirats gefunden. Als Abteilungsleiter Energiewirtschaft und Systemdesign beim renommierten Fraunhofer IWES Kassel steckt er nicht nur tief in der Materie – als Politikberater auf internationaler Ebene verfügt er auch über eine spannende globale Sicht auf unser Thema. Zudem ist er unserer Region herzlich verbunden: Gemeinsam mit seiner Frau bewirtschaftet er den Kulchhof, einen Biohof mit Hofladen in Waldkappel-Rechtebach. Wir nutzen die Gelegenheit und stellen Stefan Bofinger in einem ersten Interview vor.


Herr Bofinger, was verstehen Sie unter Energiewende?
„Was wir in Deutschland Energiewende nennen ist ein Teil eines internationalen Generationenprojekts zur Rettung des Weltklimas durch die Dekarbonisierung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise.  Auch oder gerade für unsere hochindustrialisierte, energiehungrige Volkswirtschaft ist die Energiewende deshalb eine Herkulesaufgabe. Ich persönlich plädiere daher bei der Umsetzung für einen pragmatisch-unideologischen Ansatz. Konsens ist, dass wir nicht nur den CO2-Verbrauch reduzieren, sondern den umweltschädlichen Ressourcen- und Landschaftsverbrauch insgesamt vermeiden müssen. Nachhaltig mehrheitsfähig und damit umsetzbar ist eine Energiewende allerdings nur dann, wenn die Konditionen vertretbar sind, also der Technikwandel auch tatsächlich lebbar ist. Zudem müssen die Lasten und Kosten akzeptabel verteilt werden.“
Was verstehen sie unter „unideologisch“?
„Berufsbedingt habe ich eine gesamtwirtschaftliche Perspektive und verstehe die Energieversorgung als Energiesystem und die Energiewende als Generationenprojekt. Zur Vermeidung von CO2 gibt es viele Wege und Möglichkeiten. Ideologie ist da aus meiner Sicht kein vernünftiger Lösungsweg. Lassen Sie mich das an zwei Beispiel erklären: In Deutschland sind wir heute vielfach systemisch miteinander verbunden, öffentliche Wasserversorgung, die regelmäßige Müllabfuhr, der Postbote, das Internet, all das gehört zu unserer vernetzten Lebensweise. Da erscheint die Idee, ausgerechnet beim Strom autark von einem beinahe perfekten, kostengünstigen öffentlichen Netz werden zu wollen, ideologisch bzw. philosophisch motiviert. Ein zweites Beispiel: Ich war beruflich gerade in Südafrika, einem Land mit einerseits riesigem Energiebedarf, anderseits mit traumhaft viel Sonneneinstrahlung, Wind und Freifläche. Eigentlich ideal für großflächige PV und Windkraftanlagen denkt man als Deutscher. Allerdings mangelt es dort, wie in vielen Schwellenländern, an der notwenigen Infrastruktur zur zuverlässigen Verteilung der Energie – zumal es riesige Strecken zu überwinden gilt. Zudem muss alles schnell gehen, die Energieknappheit ist eines der zentralen  Entwicklungshemmnisse. Es würde mich daher nicht wundern, wenn man in Südafrika statt auf PV und Elektromobilität eher auf Power-to-Gas-Techniken, also die Umwandlung elektrischer Energie zu Gas zum Antrieb von Fahrzeugen und Maschinen, setzt. Das ist allemal besser als auf russische Atomtechnik.  Diese Sichtweise, also vom Ergebnis her gedacht, verstehe ich unter pragmatisch bzw. unideologisch.“
Wie schätzen Sie die Widerstände gegen die Energiewende ein?
„Tatsächlich ist nicht alles was technisch machbar ist überall gleich sinnvoll. Natürlich gab und gibt es auch ungewollte Fehlanreize, viel Lobbyismus und unerwünschte Nebeneffekte im System. Trotzdem sind marktwirtschaftliche Anreizsysteme, flankiert von Gesetzen und Steuern bzw. Steuererleichterungen kombiniert mit nachvollziehbaren öffentlichen Planungsverfahren in Deutschland der einzig richtige bzw. einzig mögliche Weg öffentliche und private Interessen gleichermaßen zu berücksichtigen. Die aktuelle Situation, in der z.B. manches Windrad mit der gleichen Verve – oder gar vergleichbar militant – bekämpft wird, wie früher ein Atomkraftwerk, halte ich schlicht für überzogen.“

Weiterführende Links:
http://www.herkulesprojekt.de/

http://www.kulchhof.de/

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