Energiepolitik, deutsche Energiewende, Klimapolitik, Dekarbonisierung, industrieller Wandel

Auch die Wärmewende kommt

Energiewende im Werra-Meißner-Kreis.
Viele kleine Maßnahmen, große Wirkung

Die Energiewende in Nordhessen ist in vollem Gange, auch im Werra-Meißner-Kreis (WMK). Davon zeugen nicht nur die vielen PV-Anlagen auf privaten und öffentlichen Dächern, sondern aktuell vor allem die schwer zu übersehenden Windkraftanlagen auf unseren Höhenzügen. Was von Windkraftgegnern gerne pauschal als willkürliche Zerstörung unserer Naturlandschaft diffamiert wird, ist in Wirklichkeit die planvolle regionale bzw. lokale Konkretisierung der Energiewende, der sich alle nordhessischen Landkreise politisch verschrieben haben. Konkrete Planungsgrundlagen für die Entwicklung im Werra-Meißner-Kreis sind das 2012 vom Kreistag beschlossene Klimaschutzkonzept und der von der Regionalversammlung Nordhessen beschlossene Teilregionalplan Energie, der im WMK 17 Vorrangflächen (1,4 % der Kreisfläche) für Windkraft ausweist. Über Stand und Perspektive der regionalen Energiewende sprachen wir mit Dr. Rainer Wallmann (Foto), Erster Kreisbeigeordneter und Umweltdezernent im Werra-Meißner-Kreis.


Zur Person:  Dr. Rainer Wallmann (52), promovierte als Diplom-Ingenieur im Fachbereich Ökologische Umweltsicherung (Thema „Restabfallbehandlung“) und war bis zu seiner Wahl Professor für Umwelttechnik und Leiter der Fakultät Ressourcenmanagement an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen. Wallmann ist nicht nur ein undogmatischer Energiewender, der die Energiewende „als flexiblen Prozess mit den Menschen“ versteht, er kennt sich auch aus, in seinem Fach und in der Region: Bereits als 16-jähriger kam der gebürtige Berliner zur landwirtschaftlichen Ausbildung in den WMK und arbeitete nach dem Studium 15 Jahre als Projektingenieur bei der Ingenieurgemeinschaft Witzenhausen.


Dr. Wallmann, wie steht es um die Energiewende im WMK?
Das Klimaschutzkonzept, das der Kreistag 2012 beschlossen hat, zielt darauf ab, dass bis 2050 100% der im Kreis verbrauchten Energie aus heimischen erneuerbaren Energieträgern stammen soll. Aktuell stehen wir bei 36% beim Strom und ca. 13% bei Wärme. Damit sind wir auf dem richtigen Weg, viele kleine Maßnahmen haben in der Summe eine große Wirkung. Aber das regenerative Energiepotenzial im Werra-Meißner-Kreis ist längst noch nicht ausgeschöpft. Wir setzen auch in der Zukunft auf den Ausbau erneuerbarer Energie, also vor allem auf Biomasse, Heizungen mit Hackschnitzeln, Holz oder Holzpellets, Solarenergie, Wasserkraft, Geothermie und Windkraft. Zugleich müssen wir unsere Anstrengungen beim Energiesparen fortsetzen – anders lässt sich das CO2-Einsparpotenzial von rund 910.000 t CO2 pro Jahr bis 2050 nicht erreichen.

Wie wird sich die Windkraft im Landkreis entwickeln?
Eine vernünftige Entwicklung der Windkraft ist ein wichtiger Bestandteil der regionalen Energiewende. Die Regionalversammlung hat hier jüngst mit dem Teilregionalplan Energie Klarheit geschaffen. Einerseits wurden Vorranggebiete für die Windenergienutzung festgelegt, andererseits auch klargestellt, dass auf 98% der Flächen Windkraft ausgeschlossen ist. Der Regionalplan schafft allerdings kein Baurecht, für jede Anlage ist weiterhin ein Genehmigungsverfahren nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz erforderlich. Konkret liegen 17 Vorrangflächen mit insgesamt 1415 Hektar im Werra-Meißner-Kreis. Neben den in Betrieb befindlichen Windkraftanlagen in Hessisch-Lichtenau und Sontra, sind aktuell 23 Anlagen im Bau bzw. bereits in der Einfahrphase. Vier weitere Anlagen in Herleshausen befinden sich derzeit im Genehmigungsverfahren.

Wann kommt die Wärmewende?
Unser Hauptaugenmerk legen wir derzeit auf die Unterstützung der Wärmewende. Hier haben wir insbesondere durch die beiden geförderten Modellvorhaben „Holzige Biomasse“ und „Energetische Quartierssanierung“ zukunftsweisende Ansätze entwickelt, die wir in den nächsten Jahren konsequent umsetzen wollen. Über die Energiewende im privaten Heizungskeller entscheiden letztlich die Hausbesitzer – private, gewerbliche und kommunale. Wir schaffen Infrastruktur, beraten und begleiten und weisen natürlich auch auf die öffentlichen Förderprogramme für Biomasse-Heizungen (Hackschnitzel, Holz oder Holzpellets) hin. Aber es stimmt: In unserem ländlichen Raum mit vielen Einfamilienhäusern ist die Umstellung auf eine CO2-neutrale Wärmebereitstellung tatsächlich ein Großprojekt. Umso wichtiger ist es, Impulse zu setzen. In unserem Modellprojekt „Energetische Quartierssanierung“ entwickeln wir in Quartieren in Witzenhausen, Eschwege, Großalmerode, Herleshausen, Ringgau und Meißner nicht nur maßgeschneiderte Sanierungslösungen für die Hausbesitzer, sondern wollen auch Projekte zur gemeinsamen Wärmeversorgung aus heimischer Biomasse fördern. Auch hier werden wir zeigen, dass viele kleine Maßnahmen am Ende  eine große Wirkung haben.

Anreizprogramm Energieeffizienz (APEE) – doch eine Abwrackprämie für Altheizungen

apee_2016_20kDas im Januar 2016 gestartete neue Anreizprogramm Energieeffizienz (APEE) des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zielt darauf ab, zusätzliche „Innovations- und Investitionsimpulse für die Wärmewende im Heizungskeller“ zu setzen. Gefördert wird, wer eine ineffiziente Altanlage durch eine moderne Biomasseanlage oder effiziente Wärmepumpe ersetzt. Erstmals wird damit nicht nur der Kesseltausch, sondern auch die Optimierung des gesamten Heizsystems (inklusive Heizkörpern und Rohrleitungen) öffentlich gefördert. Auch der Höhe nach kann sich der neue Förderzuschuss sehen lassen: Zusätzlich zur APEE-Förderpauschale von 600 EUR erhöht sich die Förderung um 20% der Basisförderung.

Damit ist das APEE  nicht nur eine sinnvolle Ergänzung der bisherigen Förderinstrumente, sondern tatsächlich doch eine Art „Abwrackprämie“ für unzeitgemäße Heizungsanlagen. Wer sich bisher scheute, seine in die Jahre gekommene Ölheizung gegen ein ökologisches Heizungssystem auszutauschen, dem winken seit Jahresbeginn um die 25% staatliche Förderung.  Addiert man Energieersparnis und öffentliche Förderung,  sollte sich die ökologische Heizungssanierung nun für jedes typisches Ein- oder Zweifamilienhaus binnen 10 Jahren auch finanziell lohnen!

In unserem Rechenbeispiel, einem typischen Zwei-Familienhaus, ersetzt eine 15KW Holzpellets-Heizung einen Ölbrenner. Fallen für den Heizungstausch und die Optimierung des Heizungs- und Warmwassersystems (Warmwasserspeicher, Hydrauliksystem, Pelletslager) insgesamt 20.000 EUR Investitionskosten an,  beteiligt sich der Staat mit einem Zuschuss von 4.800 EUR. Selbst wenn sich die jährlichen Energiekosten von 3.200 EUR für Öl lediglich auf 1.600 EUR für Holzpellets halbieren, amortisiert sich die Investition binnen 10 Jahren!  Die Kosten der Kredit-Finanzierung  sind dabei denkbar gering, der effektive Jahreszins der bundeseigene Förderbank KfW liegt aktuell bei 0,75%.

So viel staatliche Förderung war noch nie! ­­Hausbesitzer, die bisher, aus welchen Gründen auch immer, mit der ökologischen Sanierung ihrer Immobilie gezögert haben, sollten dringend das Gespräch mit einem Heizungsfachmann ihres Vertrauens suchen. Er berät individuell, kennt sich sowohl mit der aktuellen Technik wie der öffentlichen Förderung aus – und unterbreitet in aller Regel auch ein wettbewerbsfähiges Angebot.

Plädoyer für eine pragmatische Energiewende

Dr. Stefan Bofinger erläutert im ENERGIEwender-Interview seinen pragmatisch-unideologischen Ansatz beim Thema Energiewende.


Über die deutsche Energiewende schien politisch entschieden, als Kanzlerin Angela Merkel 2011 im Eindruck von Fukushima den Ausstieg aus der Atomenergie verkündete. Viele, die sich seit 30 oder gar 40 Jahren gegen Atomkraft und für ein ökologisch vertretbares Wirtschaften einsetzen (oder gar tatsächlich gekämpft haben), wähnten sich am Ziel. Doch die Partystimmung ist längst dem Kater gewichen – und die Verhältnisse haben sich auf merkwürdige Weise verkehrt: Denn heute ist es nicht mehr eine „kleine Minderheit linken, meist akademischen Pöbels“ (Helmut Kohl, 1986) das gegen Atomkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen aufsteht. Heute speist sich der Widerstand gegen die gewendete staatliche Energiepolitik aus der politischen Mitte, sind es konservative Besitzbürger, die den Ausbau der Windenergie oder notwendige Stromtrassen, aber vor allem: Windräder in Sichtweite, mit aller Macht bekämpfen – und genau so selbstverständlich wie die AKW-Bewegung seinerzeit die „Vernunftkraft“ für sich reklamieren.


Wo die Fragen so komplex sind wie beim Thema Energiewende, empfiehlt es sich auf Sachverstand zu setzen. Daher hat die Redaktion der ENERGIEwender Nordhessen entschieden, sich künftig von einem „wissenschaftlichen Beirat“ begleiten zu lassen. Nach wenigen Wochen dürfen wir stolz verkünden: Mit Dr. Stefan Bofinger (Foto),  ist das erste Mitglied unseres Beirats gefunden. Als Abteilungsleiter Energiewirtschaft und Systemdesign beim renommierten Fraunhofer IWES Kassel steckt er nicht nur tief in der Materie – als Politikberater auf internationaler Ebene verfügt er auch über eine spannende globale Sicht auf unser Thema. Zudem ist er unserer Region herzlich verbunden: Gemeinsam mit seiner Frau bewirtschaftet er den Kulchhof, einen Biohof mit Hofladen in Waldkappel-Rechtebach. Wir nutzen die Gelegenheit und stellen Stefan Bofinger in einem ersten Interview vor.


Herr Bofinger, was verstehen Sie unter Energiewende?
„Was wir in Deutschland Energiewende nennen ist ein Teil eines internationalen Generationenprojekts zur Rettung des Weltklimas durch die Dekarbonisierung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise.  Auch oder gerade für unsere hochindustrialisierte, energiehungrige Volkswirtschaft ist die Energiewende deshalb eine Herkulesaufgabe. Ich persönlich plädiere daher bei der Umsetzung für einen pragmatisch-unideologischen Ansatz. Konsens ist, dass wir nicht nur den CO2-Verbrauch reduzieren, sondern den umweltschädlichen Ressourcen- und Landschaftsverbrauch insgesamt vermeiden müssen. Nachhaltig mehrheitsfähig und damit umsetzbar ist eine Energiewende allerdings nur dann, wenn die Konditionen vertretbar sind, also der Technikwandel auch tatsächlich lebbar ist. Zudem müssen die Lasten und Kosten akzeptabel verteilt werden.“
Was verstehen sie unter „unideologisch“?
„Berufsbedingt habe ich eine gesamtwirtschaftliche Perspektive und verstehe die Energieversorgung als Energiesystem und die Energiewende als Generationenprojekt. Zur Vermeidung von CO2 gibt es viele Wege und Möglichkeiten. Ideologie ist da aus meiner Sicht kein vernünftiger Lösungsweg. Lassen Sie mich das an zwei Beispiel erklären: In Deutschland sind wir heute vielfach systemisch miteinander verbunden, öffentliche Wasserversorgung, die regelmäßige Müllabfuhr, der Postbote, das Internet, all das gehört zu unserer vernetzten Lebensweise. Da erscheint die Idee, ausgerechnet beim Strom autark von einem beinahe perfekten, kostengünstigen öffentlichen Netz werden zu wollen, ideologisch bzw. philosophisch motiviert. Ein zweites Beispiel: Ich war beruflich gerade in Südafrika, einem Land mit einerseits riesigem Energiebedarf, anderseits mit traumhaft viel Sonneneinstrahlung, Wind und Freifläche. Eigentlich ideal für großflächige PV und Windkraftanlagen denkt man als Deutscher. Allerdings mangelt es dort, wie in vielen Schwellenländern, an der notwenigen Infrastruktur zur zuverlässigen Verteilung der Energie – zumal es riesige Strecken zu überwinden gilt. Zudem muss alles schnell gehen, die Energieknappheit ist eines der zentralen  Entwicklungshemmnisse. Es würde mich daher nicht wundern, wenn man in Südafrika statt auf PV und Elektromobilität eher auf Power-to-Gas-Techniken, also die Umwandlung elektrischer Energie zu Gas zum Antrieb von Fahrzeugen und Maschinen, setzt. Das ist allemal besser als auf russische Atomtechnik.  Diese Sichtweise, also vom Ergebnis her gedacht, verstehe ich unter pragmatisch bzw. unideologisch.“
Wie schätzen Sie die Widerstände gegen die Energiewende ein?
„Tatsächlich ist nicht alles was technisch machbar ist überall gleich sinnvoll. Natürlich gab und gibt es auch ungewollte Fehlanreize, viel Lobbyismus und unerwünschte Nebeneffekte im System. Trotzdem sind marktwirtschaftliche Anreizsysteme, flankiert von Gesetzen und Steuern bzw. Steuererleichterungen kombiniert mit nachvollziehbaren öffentlichen Planungsverfahren in Deutschland der einzig richtige bzw. einzig mögliche Weg öffentliche und private Interessen gleichermaßen zu berücksichtigen. Die aktuelle Situation, in der z.B. manches Windrad mit der gleichen Verve – oder gar vergleichbar militant – bekämpft wird, wie früher ein Atomkraftwerk, halte ich schlicht für überzogen.“

Weiterführende Links:
http://www.herkulesprojekt.de/

http://www.kulchhof.de/

ENERGIEwender online

Energiewende in der norhessischen Praxis: Auch in unserer Region Nordhessen arbeiten jeden Tag egagierte Menschen, viele seit Jahrzehnten, auf Dächern, in Heizungskellern oder in Büros ganz praktisch an der Energiewende. Die Ideen und Themen, Tipps und Lösungsvorschläge dieser ENERGIEWENDER in und über die Region hinaus bekannt zu machen, ist die zentrale Aufgabe dieser Webseite.

Dass wir dabei den größeren politischen Kontext streifen werden, wird sich kaum vermeiden lassen. Immerhin ist die deutsche Energiewende, also der gleichzeitige Ausstieg aus Atomkraft und fossilen Energien, nicht nur ein einzigartig deutscher Weg, sondern volkswirtschaftlich betrachtet auch ein der Mondlandung vergleichbares Herkulesprojekt.

BGH bestimmt den PV-Anlagenbegriff neu

Mit Urteil vom 4. November 2015 entschied der BGH, dass nicht das einzelne, zum Einbau in ein „Solarkraftwerk“ bestimmtes Modul als Anlage im Sinne des EEG 2009  anzusehen ist, sondern erst die Gesamtheit der Module eines „Solarkraftwerks“ die Anlage bildet. Damit ist klargestellt. Mit seinem Urteil wendet sich der BGH gegen die bislang verbreitete Auffassung, dass jedes einzelne unter dem EEG 2009 in Betrieb genommene Modul eine Anlage sei. Das Urteil des BGH bietet Ansatz für Kritik, da es mit dem „Solarkraftwerk“ eine Begrifflichkeit schafft, die dem EEG fremd ist und sich auch nicht in der Gesetzesbegründung findet. Für Anlagenbetreiber wirkt sich das Urteil nachteilig auf die Vergütungshöhe aus.

http://www.sonnewindwaerme.de/photovoltaik-recht-finanzen/recht-neubestimmung-pv-anlagenbegriffs